Von Elisabeth Höfl-Hielscher
Baut Deutschland unter dem Vorwand der Terrorismus-Bekämpfung die
Grundrechte ab? Droht gar ein Polizei- und Überwachungsstaat? Diese
Befürchtungen standen gestern im Mittelpunkt einer Podiumsrunde
im Alten Rathaussaal. Stadtforum und Kulturreferat hatten zu einer
ihrer gemeinsam veranstalteten „Reden über Gott und die Welt“ eingeladen,
und diesmal ging es unter Leitung des Moderators Klaus Kastan vom
Bayerischen Rundfunk um die Frage: „Wieviel Freiheit braucht der
Mensch?“
Schon vor dem 11. September, das beklagte Gerhard Kongehl, der
Vorsitzende des Berufsverbandes der Datenschutzbeauftragten, hätten
die Politiker die Selbstbestimmung der Bürger scheibchenweise demontiert.
So sei etwa ohne jede Erfolgskontrolle die Telefon-Überwachung auf
jährlich 1,3 Millionen Verbindungen ausgedehnt worden. Doch nach
dem 11. September seien die Gesetzgeber in kopflosen Aktionismus
verfallen, nur um den verängstigten Wählern signalisieren zu können:
„Wir tun was“. Seit dem 14. Dezember, als der Bundestag „im Hauruck-Verfahren“
das „Sicherheitspaket“ verabschiedete, könne man sagen: „Die Bundesrepublik
verändert sich!“ Heribert Prantl, Innenpolitik- Chef der SZ, meinte
sogar, den Terroristen sei es „gelungen, die gesetzgeberischen Schaltzentralen
der westlichen Demokratien zu erobern“. Er wiederholte eine Warnung
des Deutschen Richterbundes: Durch die neue Vermischung der Geheimdienst-
und Polizeikompetenzen werde den Politikern die demokratische Kontrolle
der Exekutive weiter erschwert.
Von den „Allmachtsfantasien des Staates“ sprach der Siegener Lehrer
Bernhard Nolz, der wegen seiner öffentlichen Kritik am Antiterrorismus-Feldzug
strafversetzt wurde. Er sieht in der „Rufmord-Kampagne“ gegen sich
ein Symptom für den Abbau von Grundrechten sowie für die „strukturelle
Gewalt“ und das „Klima der Bespitzelung“ in unserer Gesellschaft.
Diese „unsachlichen“ Argumente nannte der Vorsitzende des Rechtsausschusses
des Bundestags, Rupert Scholz (CDU), eine „Diskreditierung“ des
demokratischen Rechtsstaates. Über Details der Terrorbekämpfung
könne man zwar streiten. Doch grundsätzlich erfordere die neue Dimension
der „Gefährdungen durch Terroristen, die von Staaten mit Atom- und
Biowaffen unterstützt werden“, auch eine neue Dimension der Sicherheitsmaßnahmen.
Scholz: „Ein Datenschutz, der die Schläfer schützt und den Kampf
gegen die Kriminalität behindert, ist kein Freiheitsschutz mehr.“